Ein Interview mit Oleg Sapphire

Hallo, allerseits!
Heute möchten wir ein Interview mit unserem neuen Autor Oleg Sapphire teilen! Oleg ist ein Schriftsteller von erstaunlicher, man möchte fast sagen phänomenaler Produktivität. Trotz seiner verhältnismäßig kurzen bisherigen Laufbahn ist er bereits Verfasser von fast fünfzig Büchern. Und er hat nicht vor, mit dem Schreiben aufzuhören. Heute sind Olegs Neuerscheinungen Fixstarter in den Bestsellerlisten des russischsprachigen Bücherportals author.today. Doch auch die englisch- und deutschsprachigen Übersetzungen belegen unverändert Spitzenplätze in den Amazon-Bestsellerlisten. In diesem Interview sprechen wir mit Oleg über seine Arbeit, seine Buchreihen, seine Zukunftspläne und die Geheimnisse seines Erfolgs. Viel Spaß beim Lesen!
Bisher gibt es drei Buchreihen von dir auch als Übersetzungen. Eine eigene und zwei als Co-Autor. Die Soziopathen-Serie stammt allein aus deiner Feder. „Der Weg des Heilers“ ist in Zusammenarbeit mit Alexey Kovtunov erschienen, und „Der Ehrenkodex des Jägers“ als Kooperation mit Yuri Vinokuroff. Die Heiler-Serie avancierte zum Megabestseller. Die Jäger-Serie ist ebenfalls ein großer Erfolg. Die Soziopathen-Serie hinkt nur leicht nach. Hast du mit dieser Reihenfolge gerechnet?
Nein, eigentlich nicht. Ich hätte erwartet, dass die Jäger-Serie die besten Chancen hat. Die Heiler-Serie ist für mich ein Überraschungserfolg. Obwohl ich erwartet habe, dass sie sich in Deutschland ganz gut verkaufen könnte. Der Held dieser Reihe ist ein eher berechnender Zyniker, der auch Entscheidungen treffen muss, die vom menschlichen Standpunkt aus fragwürdig sind, einfach weil sie nötig sind. Mein Eindruck war, dass dem amerikanischen Publikum solche schwierigen Momente weniger liegen.
Dann ist das Schreiben also eine Art Glücksspiel?
Ja, absolut. Und zwar nicht nur für den amerikanischen oder europäischen Markt. Ich kenne Autoren, die seit Jahren schreiben und nicht recht vom Fleck kommen, und dann veröffentlichen sie ein bestimmtes Buch und es wird zum Megahit. Dann finden sie plötzlich zu sich selbst und schreiben in diesem Stil weiter, und von da an läuft alles bestens. Andere treffen schon bei der ersten Buchreihe ins Schwarze, so wie ich. Die Soziopathen-Serie ist meine erste eigene Serie, und wenn man bedenkt, dass ich ein absoluter Neuling war, ist sie von Anfang an sehr gut gelaufen. Dann kam die Jäger-Serie, die sofort voll einschlug. Im Moment ist sie die beliebteste Buchreihe auf author.today (Verkaufsplattform für Bücher – Anm. d. Interviewers). Und es gibt bereits 18 Bände! Die Anzahl der Leser sinkt jedoch nicht, sondern wächst sogar im Gegenteil noch, obwohl es normalerweise so ist, dass man bereits ab Band 3 oder 4 Leser zu verlieren beginnt.
Erzähl uns mehr über die Co-Autorenschaft. Wie funktioniert das, wie geht ihr das an?
Das Wichtigste ist, einen Co-Autor zu finden, dessen Vorstellungen und Denkweise ähnlich sind. Viele Gemeinschaftsprojekte scheitern daran, dass die Autoren sich streiten, uneinig sind oder einander übervorteilen. Man muss schon zu Beginn alle Unklarheiten aus der Welt schaffen. Man will gemeinsam etwas auf die Beine stellen, und das muss gut gemacht werden. Der Zyklus muss unbedingt abgeschlossen werden, selbst wenn es zu Meinungsverschiedenheiten kommen sollte – das darf keine Auswirkungen auf die Bücher oder die Leser haben. Die eigentliche Arbeit ist einfacher. Zwei Menschen setzen sich hin und überlegen sich jeweils ein paar Zeilen. Man kann entweder kapitelweise vorgehen oder sich jedes Kapitel teilen. Bei Unstimmigkeiten in Bezug auf die Handlung ist es wichtig, die Sache in Ruhe zu besprechen und Kompromisse zu finden. Man muss sich vor Augen halten, wozu man das alles tut. Für das eigene Ego, oder um ein gutes Buch zu schreiben? Man muss nachgeben können. Man muss so schreiben können, dass auch der Co-Autor zufrieden ist.
Wie arbeitest du selbst lieber – allein oder mit einem Co-Autor?
Im Moment, würde ich sagen, gefällt mir die Zusammenarbeit mit einem Co-Autor besser. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es weniger Spaß macht, wenn man alleine schreibt. Man kann mit niemandem darüber reden, darüber lachen. Und irgendwann hat man dann genug von der Geschichte. Vielleicht ist genau das mit der Soziopathen-Reihe passiert. Ich war es leid, allein im stillen Kämmerchen zu sitzen. Wenn man einen Co-Autor auswählt, muss man sich mit ihm auseinandersetzen, seine Texte lesen und sich seinen Schreibstil ansehen. Der Punkt ist, dass jeder Co-Autor etwas mitbringen sollte, was man selbst nicht mitbringt. Manche Autoren können gut beschreiben, andere haben einen guten Sinn für Humor. Wichtig ist, dass jeder etwas einbringen kann. Alexey Kovtunov zum Beispiel, mein Co-Autor bei der Heiler-Serie, ist ausgebildeter Arzt. Aber man muss nicht gleich ein Experte sein, heutzutage findet man jede beliebige Information im Internet. Aber die Zusammenarbeit mit Alexey hat vieles einfacher gemacht, weil er etwas von Medizin versteht. Es gibt Co-Autoren, die in ihrem Leben bereits fünf oder sechs Berufe ausgeübt haben, das liefert ausgezeichnetes Material für Bücher. Deshalb sage ich immer, dass Autoren über sechzig sehr wertvoll sind. Hauptsache, es läuft ohne Drama ab, ohne Konkurrenzkampf – so nach dem Motto, ich habe das und das geleistet, und du nur das. Denn das ist der Anfang vom Ende. Man muss sich einfach bewusst sein: Wir ziehen an einem Strang! Dazu braucht es eben Kompromisse.
Hast du vielleicht noch andere Erkenntnisse über die westliche Leserschaft gewonnen?
Nein, besondere Erkenntnisse habe ich eigentlich nicht. Aber eines ist mir klar geworden: Man kann die Bücher nur übersetzen lassen, alles Weitere ist dann wie bei einem Kinder-Überraschungsei – man weiß nie, welches Spielzeug man bekommt. Selbst nach zwei oder drei Misserfolgen kann der vierte Versuch plötzlich ein ungeahnter Riesenerfolg werden.
Sehen wir uns die Beliebtheit beim russischsprachigen Publikum. Wie lautet hier die Reihenfolge? Zuerst kommt die Jäger-Serie. Und dann?
Noch bevor es die Heiler- oder Jäger-Serie gab, war der Soziopath ein Jahr lang in den Hitlisten. Man kann es also nicht wirklich vergleichen. Nach der Anzahl der abonnierten Leser sieht es folgendermaßen aus: Jäger, dann Heiler, dann Soziopath. Aber als ich mit der Arbeit am Soziopathen begann, war ich ein Niemand, ich hatte noch keinen Namen.
Inwieweit hast du mit diesen Serien versucht, die aktuellen Trends einzufangen?
Um derartige Dinge kümmere ich mich normalerweise nicht, und das war auch hier nicht der Fall. Ich bemühe mich nicht, ein bestimmtes Genre zu treffen, sondern eher einen Schreibstil, der den Leuten gefällt. Es spielt keine Rolle, was dabei herauskommt – Zeitreisen in die Vergangenheit, Zeitreisen in die Zukunft, LitRPG, RealRPG oder Boyar-Anime. Ich habe drei Versuche gestartet, und alle drei waren erfolgreich. Es kommt nicht darauf an, was du schreibst, sondern wie du es schreibst. Natürlich gibt es gewisse Trends. Soweit ich weiß, ist zum Beispiel das Tschernucha-Genre im Moment ziemlich stark zurückgegangen (in Russland – Anm. d. Interviewers), also ultrabrutale, bedrückende Mordgeschichten und dergleichen. Davon gibt es jetzt weniger. Übermenschen sind auch nicht sehr populär.
Was ist allgemein in der Populärliteratur los im Moment? Was ist im Trend?
Wenn man nach author.today geht, ist Boyar-Anime im Vormarsch. Ich denke, der Hype wird vielleicht noch ein halbes Jahr andauern, dann kommt vermutlich ein Rückgang. Aber auch das kann sich schnell wieder ändern.
Und siehst du irgendwelche Alternativen zu diesem Genre?
Na ja, meiner Meinung nach wird Fantasy ziemlich stark vernachlässigt. Zum Teil auch vermischt mit unserer Welt – Geschichten über Gestrandete. Früher war das ein sehr beliebtes Genre. Es überschneidet sich stark mit dem Boyar-Genre. Ich selbst plane für die Zukunft ebenfalls mehrere Zyklen über Gestrandete. Ich finde es immer interessant sich vorzustellen, wie sich unsere Leute in fremden Welten schlagen würden. Im Boyar-Genre geht es im Gegensatz dazu eher darum, wie sich Wesen aus anderen Welten bei uns verhalten. Oder in einer Welt, die der unseren ähnlich ist. Oder in einer anderen Zeit, zum Beispiel im Japan zur Zeit des Russischen Reichs.
Und was fällt dir zum Weltraum ein?
Zu diesem Thema wird im Moment nicht viel geschrieben. Ich kenne aber durchaus gute Serien zum Thema Kosmos. Derzeit schreiben die meisten aber nicht so, wie sie sollten. Der Weltraum ist ein Thema, das nicht jeden interessiert. So ein Buch muss so unterhaltsam, leicht verständlich und interessant geschrieben sein, dass ich als Mensch, der von Raumschiffen überhaupt nichts versteht, von der ersten Seite an in die Handlung eintauchen kann und davon gefesselt bin. Ich habe viel über den Weltraum gelesen, aber für mich ist die Hemmschwelle zu hoch, wenn man zu lesen beginnt und nichts versteht. Und dann muss man natürlich noch in der Lage sein, eine interessante Handlung zu konstruieren. Dort hat man eine völlig andere, wenn auch sehr breite Basis – endlos viele Planeten, Technologien usw.
Man sagt, es gibt Menschen, die neue Trends setzen und Menschen, die gut darin sind, sich an aktuelle Trends anzupassen. Zu welcher Kategorie würdest du dich zählen?
Ich kann nicht behaupten, dass ich zu hundert Prozent sicher bin, dass mein Zyklus ein Erfolg wird. Vielleicht zu siebzig, achtzig Prozent. Aber ich kopiere niemanden. Ich meine, ja, es kann schon vorkommen, dass es Überschneidungen gibt. Manchmal lese ich andere Autoren und sehe etwas, das mich an etwas erinnert, das ich selbst geschrieben habe. Vielleicht ist das Buch sogar vor meinem erschienen, aber ich lese es jetzt erst. Alles wurde irgendwann, irgendwo schon einmal geschrieben. Wenn man herausfinden will, wer was von wem abgeschrieben hat, könnte man ewig graben. Ich schreibe einfach das, was mir in den Sinn kommt. Natürlich steht es nicht im leeren Raum. Ich habe über dreitausend Bücher gelesen, irgendetwas kann immer hängen bleiben. Aber dass ich das Buch von jemand anderem nehmen und beschließen würde, etwas Ähnliches zu schreiben – nein, das kommt nicht vor.
Erzähl uns von den Serien, die auf Englisch erschienen sind. Wie viele Bände gibt es, und wie viele sind noch geplant? Beginnen wir mit der Jäger-Serie.
Die Jäger-Serie umfasst derzeit achtzehn Bände. Einige wurden schon übersetzt. In der Heiler-Serie wurden bisher zehn Bücher geschrieben. Davon wurden etwa fünf bereits übersetzt. Die Soziopathen-Serie umfasst derzeit dreizehn Bände. Aber wie viele es noch werden? Ich weiß es nicht. Ich arbeite nicht nach einem genauen Plan, wenn ich Bücher schreibe. Ich setze mich an die Tastatur und beginne zu schreiben. Ich habe versucht, nach Plan zu arbeiten, aber kaum schreibe ich eine Zeile, ändert sich alles – etwas fällt weg, etwas Neues kommt hinzu. Ich kann nur sagen, dass von den aktuellen Büchern alles übersetzt werden wird.
Aber die Soziopathen-Serie ist abgeschlossen?
Nein, sie ist noch nicht abgeschlossen. Es sind weitere Bände geplant. Im Moment liegt sie aber auf Eis. Irgendwann wurde ist mir klar geworden, dass ich eine Pause brauche, um meine Gedanken zu ordnen und dann in einem interessanten Tempo weiterzumachen. Aber das, was es bereits gibt, reicht für zwei, drei Jahre für die Übersetzung.
Wie löst du das Problem des Entwicklungsplafonds bei solchen superlangen Serien?
Das ist ganz einfach. Man darf dem Helden nicht schon zu Beginn globale Ziele vorgeben, die er zu erreichen hat. Den Fehler machen viele. So nach dem Motto, der Held wurde in einer neuen Welt wiedergeboren und hat sofort das Ziel, zum Imperator zu werden und über diese Welt zu herrschen. Warum? Nehmen wir zum Beispiel Xander aus dem Ehrenkodex des Jägers. Er führt ein abwechslungsreiches, interessantes Leben, und dann wird er sozusagen in den Dauerurlaub geschickt. Er genießt einfach die Ruhe und löst nebenbei ein paar lokale Probleme. Wozu sollte er selbst zum Imperator werden wollen, wenn er mit dem herrschenden Imperator auf Du und Du steht? Er hat andere Interessen. Der Protagonist muss nicht unbedingt große Ziele haben. Hauptsache, er wirkt nicht künstlich und verfolgt nicht von Buch zu Buch immer dieselben Ziele. Vielleicht will er einfach nur seine Ruhe haben, oder seinen Spaß, oder er weiß selbst nicht genau, was er will. Er ist ein lebendiger Mensch, kein Roboter oder Gott. Heute will er den Titel eines Grafen, und morgen nicht mehr. Genau darum geht es. Man muss über das Leben des Helden schreiben, was darin geschieht – nicht nur über ein Ziel, auf das er stur zustrebt. Der Leser weiß, dass der Held am Ende des Buchs erreichen wird, was er sich vorgenommen hat. Ich finde, manchmal ist es viel interessanter, wenn er selbst nicht weiß, was das ist. Wenn eine Figur beispielsweise Imperator werden will und schlussendlich doch Feuerwehrmann wird. Und dann führt er ein glückliches Leben mit seiner Familie, seinen Kindern. Das ist doch perfekt! Ich weiß selbst nie, was am nächsten Tag passieren wird – oder im nächsten Kapitel, oder im nächsten Buch. Keine globalen Ziele, keine globalen Feinde. Es ist naiv zu glauben, dass man stärker als alle anderen werden kann. Ein ungünstiger Zufall kann deine Pläne mit einem Schlag zunichtemachen.
Würde dir selbst als Leser ein Ende wie in deinem Beispiel mit dem Feuerwehrmann gefallen? Ohne grandiose Erfolge? Würdest du dich nicht betrogen fühlen?
Das hängt davon ab, wie du schreibst. Wenn du von Buch zu Buch immer dieselben Themen durchkaust und dann abrupt die Richtung änderst – ja, das wäre schlecht. In meinem Fall schreibt sich die Handlung wie von selbst, sie fügt sich flüssig von Kapitel zu Kapitel zusammen und ich habe keine Ahnung, was als Nächstes passieren wird. Vielleicht endet sie wirklich mit dem Feuerwehrmann. Vielleicht steht es so in den Sternen.
Aber was ist mit der persönlichen Entwicklung? Der Held entwickelt sich doch ständig weiter, erlernt neue Fähigkeiten. Wie lange kann man das durchziehen?
Nun, wenn wir den Jäger nehmen, dann ist er in Band 4 oder 5 weit davon entfernt, irgendwelche unglaublichen Höhen zu erreichen. Er entwickelt sich nicht sehr schnell, die Handlung schreitet gemächlich voran. Wenn man es sich realistisch vorstellt, gibt es sechs oder sieben Milliarden Menschen auf seinem Planeten. Und wer ist er? Ist er der Einzige auf der Welt? Einzigartig? Einmalig? Nein, es gibt noch andere Menschen. Andere Gestrandete oder irgendwelche schlummernden Gottheiten. Die Welt dreht sich nicht um den Protagonisten. Er lebt nur sein Leben. Und was ihn in Zukunft erwartet, ist ungewiss. Und außerdem – warum immer nur persönliche Feinde? Probleme kann es auch in der Politik geben, mit anderen Welten. Alles entscheidet sich nach und nach. Selbst der allerstärkste Held der Welt kann nicht an zwanzig Orten gleichzeitig sein. Er kann nicht alle beschützen – seine Familie, den Imperator und alle anderen, die ihm etwas bedeuten. Wie soll er das bewerkstelligen? Er muss sich etwas einfallen lassen. Loyale Leute finden oder einstellen, Verbindungen aufbauen. Man muss die Situation von allen Seiten betrachten, nicht nur von einer.
Kann der Protagonist auch verlieren? Irgendeine bedeutende Konfrontation?
Natürlich. In meinen Büchern geht es um starke Helden. Es ist klar, dass der Protagonist kein Waschlappen ist. Aber es kann auch schmerzhafte Niederlagen geben, ganz sicher. Kleinere Niederlagen gibt es in jedem meiner Bücher reihenweise. Die Protagonisten haben keinen klar definierten Handlungsablauf, sie sind nicht vorprogrammiert, sie leben einfach ihr Leben. Und wir beschreiben dieses Leben. Manchmal scheint es, dass der Held vordergründig gewonnen hat, aber innerlich hat er das Gefühl, verloren zu haben. Er hat Zweifel, ob er sich an irgendeinem Punkt geirrt hat. Er muss umdenken.
Vielleicht hast du schon einmal von einem ungeschriebenen Regelwerk gehört, wie man Populärliteratur schreiben soll. So nach dem Motto, der Held muss immer siegen, es muss unbedingt jemanden geben, an dem er romantisch interessiert ist und so weiter.
Nein, davon habe ich noch nie gehört. Vielleicht habe ich deshalb drei erfolgreiche Serien?
Lässt du dich in irgendeiner Form vom Feedback beeinflussen, das du von Lesern oder Kritikern bekommst?
Selbstverständlich! Manchmal brauche ich einen halben Tag, um auf persönliche Nachrichten oder Kommentare zu antworten. Wenn man so viele Zyklen schreibt, können leicht sechs- bis siebenhundert Kommentare zusammenkommen. Bisweilen sogar bis zu tausend. Natürlich richte ich nicht den gesamten Text danach aus, aber einen gewissen Einfluss gibt es durchaus. Zum Beispiel kommt es vor, dass dich ein Leser an etwas erinnert, und du so – ach ja, stimmt! Manchmal stößt man in den Kommentaren auf interessante Gedanken, liest sie und lässt sich von einigen Ideen inspirieren. Oder nehmen wir angehende Autoren. Die sollten auf jeden Fall alle Kommentare lesen, denn das ist das eigentliche Regelwerk darüber, was den Leuten gefällt und was nicht. Du schreibst eine Szene, siehst, dass sie einen Shitstorm ausgelöst hat – und du begreifst, was du besser nicht tun solltest. Wir schreiben Bücher für Leser, nicht nur als reinen Selbstzweck. Natürlich kann man auch ohne Rücksicht auf die Leser Bücher schreiben, aber worin besteht dann der Sinn? Es gefällt nur dir selbst, und somit wird es genau eine Person lesen.
Beeinflussen deine eigenen Ansichten und Erfahrungen im Leben deine Bücher? Oder ist das eine völlig eigene Welt?
Sagen wir so: Alles, was in der realen Welt passiert – schlechte Laune oder wenn irgendwas nicht klappt – hat in den Büchern nichts zu suchen. Dort schreibst du über eine andere Welt. Du schreibst für Menschen, denen es egal ist, was bei dir los ist oder welche Ansichten du hast. Man darf sich davon nicht beeinflussen lassen. Das ist meine Meinung, und danach handle ich auch. Wenn du wissen willst, wovon ich mich inspirieren lassen, dann reise ich zum Beispiel gerne, besuche Museen, archäologische Ausgrabungen, Burgen, alle möglichen ungewöhnlichen Orte. Ja, dort hole ich mir Ideen.
Und deine Figuren?
Nein, ich verwende keine realen Personen in meinen Büchern. Ich mag es lieber, eine neue Persönlichkeit zu erschaffen, als über jemanden zu schreiben, der real existiert. Wenn man es so anlegt, gehen einem nach drei, vier Zyklen die Figuren aus. Dann muss man morgens schreiben und abends Leute kennenlernen.
Diese Frage wurde schon öfter gestellt, aber da sie immer noch aktuell ist, stelle ich sie noch einmal: Warum ein Soziopath? Warum hast du dich für einen so ungewöhnlichen Helden entschieden?
Das ist ein sehr interessantes Thema, das einen großen Sturm der Emotionen ausgelöst hat. Es gab viele Diskussionen und viele Meinungen. Zum Beispiel finden fünfzig Prozent gar nicht, dass er ein Soziopath ist. Was soll ich sagen. Die russische Leserschaft weiß bereits, wie es weitergehen wird. Die deutsche und amerikanische noch nicht. Daher will ich hier nicht spoilern. Aber noch einmal: Figuren müssen lebendig sein, sie sind keine Roboter oder Computer. Es ist eben so, dass dieser Mensch sich selbst für einen Soziopathen hält. Eigentlich wurde ihm diese Maske aufgesetzt und er trägt sie und versucht, sich selbst zu verstehen. Und was er sich da zusammenreimt – wer weiß.
Noch eine kurze Frage zum Abschluss. Bist du mit der Zusammenarbeit mit Magic Dome Books zufrieden?
Alles in allem bin ich zufrieden. Ich würde mir wünschen, dass die Übersetzungen schneller gehen, aber es ist eben, wie es ist. Aber insgesamt bin ich zufrieden. Und ich bin der Übersetzerin Lisa Neumayr dankbar für ihre Arbeit!
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